02.01.15

Menetekel der deutschen Medienlandschaft - Notiz zu Broeckers/Schreyer: "Wir sind die Guten"




Mathias Broeckers und Paul Schreyer bieten in "Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder Wie uns die Medien manipulieren" eine knappe Übersicht über die Hintergründe der Ukraine-Krise sowie die aktuellen Ereignisse der ersten Jahreshälfte 2014 in Bezug auf Russland, Ukraine, Krim, die Rolle des Westens, der NATO/USA sowie der deutschen Medien. Der Titel nimmt die in vielen Kommentaren und Leitartikeln zum Vorschein kommende Selbstwahrnehmung "des Westens" aufs Korn, die anscheinend über jeden Zweifel erhaben ist - zur Not auch auf Kosten eigener Glaubwürdigkeit. Eben diese Selbstwahrnehmung nebst ihren Gründen und Folgen in sachlich-unaufgeregter, bisweilen auch polemischer Weise zu analysieren, ist Broeckers und Schreyer vorbildlich gelungen.
Redaktionsschluss für das Buch war Ende Juli 2014. Die Autoren konnten viele spätere Entwicklungen nicht mit einbeziehen, was die Wirkung der Lektüre noch verstärkt - noch immer sind die Geschehnisse um den Absturz von MH17 nicht aufgeklärt, die von Politik und Presse unmittelbar instrumentalisiert wurden (SPIEGEL-Cover: "Stoppt Putin jetzt!"). Auch die Morde der Scharfschützen vom Maidan oder die im Gewerkschaftshaus von Odessa wurden nicht aufgeklärt - dass vonseiten der neuen Machthaber und der Medien daran kein Interesse zu bestehen scheint, sollte zum Nachdenken anregen - ein Nachdenken, dem in der etablierter Presse jedoch auffallend wenig Platz geschenkt wird.



Schon vier Monate nach dem Sturz in Kiew konnte man die Einflussnahme des Westens aufzeigen oder zumindest Indizien finden. Heute, beinahe ein Jahr später, scheinen sich diese Thesen zu bestätigen - und auch im aktuellen Handeln bzw. Nicht-Handeln der neuen Regierung im Donbass niederzuschlagen. Dass unsere Medien dieser Sichtweise kaum, und wenn dann nur unter dem abfälligen Kampfbegriff "Verschwörungstheorie" (der jegliche inhaltliche Auseinandersetzung von vornherein ausschließt, ja unter den Verdacht der Lächerlichkeit stellt) Beachtung schenkten und schenken, ist mehr als bedenklich. Das Buch zeigt eindrücklich, wie arg es um die deutschsprachige Medienlandschaft bestellt ist, die sich offenbar entschieden hat, auf Ausgewogenheit, tiefere Analyse und kritische Selbstreflexion zu verzichten: auf die Verquickung von wirtschaftlich-politischen Interessen unserer renommierten Presseerzeugnisse in Netzwerken und Think Tanks hinzuweisen ist das Verdienst der beiden Autoren, das zusammen mit deren einseitiger Parteinahme dazu geführt hat, dass das Vertrauen der Leser in den "Qualitätsjournalismus" im Jahr 2014 in global-politischen Fragen beinahe auf den Nullpunkt gesunken ist.

Dass Bücher wie dieses, wie das von Udo Ulfkotte ("Gekaufte Journalisten") oder von Uwe Krüger ("Meinungsmacht") seit Wochen in den Bestseller-Listen stehen und von Lesern positiv besprochen werden, während die kritisierten Medien sie geflissentlich ignorieren und stattdessen die Kommentarfunktion der Online-Artikel abstellen, bei denen sie Skepsis und Widerspruch befürchten müssen, abstellen, lässt jedoch hoffen, dass trotz medialen Dauerbeschusses respektive medialer Einschläferungstaktik eine kritische Öffentlichkeit noch immer existiert, wenn auch bislang nicht auszumachen ist, welche neuen Kanäle zur Bündelung ihres Interesses an neutralerer und objektiver Berichterstattung sich diese Öffentlichkeit suchen wird.