03.01.13

Wie die Philosophie Ihr Leben verwirren kann - Rezension zu "Trost der Philosophie" von Alain de Botton

Sechs Jahre vor der Schließung der Platonischen Akademie zu Athen durch Kaiser Justinian fand in der norditalienischen Stadt Pavia eine außergewöhnliche Begegnung statt. Der zum Tode verurteilte Kanzler Theoderichs, Anicius Manlius Severinus Boethius, wird, über den unerforschlichen Gang des Schicksals klagend, in seiner Gefängniszelle von einer Frau aufgesucht „von sehr ehrwürdigem Aussehen, mit feurigen und über die gemeine Kraft der Menschen durchdringenden Augen, von lebhafter Farbe und unerschöpflicher Frische“. Die Frau, Allegorie der Philosophie und Seelenärztin, spendet dem Verzweifelten Trost und verabreicht eine beruhigende Medizin, indem sie ihm den Weg aus den Wirrnissen des irdischen Lebens hin zu Gott als dem vollkommenen Sein aufzeigt. Obwohl Boethius sich also unmittelbar mit dem eigenen Tod konfrontiert sieht, findet er mit Hilfe der Erkenntnis des Unwandelbaren und Ewigen zu seelischer Unabhängigkeit, Gelassenheit und Ruhe. Das Werk, das aus dieser Haltung einer Extremsituation gegenüber entsteht, gehört zu den bewegendsten Zeugnissen einer untergehenden Epoche: „De consolatione philosophiae“ – „Trost der Philosophie“. 

Knapp 1500 Jahre später verfaßt ein in London lebender junger Schriftsteller ein Buch mit gleichem Titel – freilich unter anderen Umständen. „Trost der Philosophie“ ist ebenso wie das erfolgreiche „Wie Proust ihr Leben verändern kann“ eine weitere als „Gebrauchsanweisung“, wie es im Untertitel heißt, zu verstehende Mischung aus Philosophiegeschichte, erfindungsreicher Erzählung, Ratgeber und Bilderbuch des Schweizers Alain de Botton. Schon in seiner Beschäftigung mit Marcel Proust hatte de Botton den eher zweifelhaften Versuch unternommen, ein äußerst vielschichtiges und beziehungsreiches Werk sowie das Leben seines Autors auf simple Ratschläge zu Problemen wie „Wie man sich Zeit nimmt“ oder „Wie man erfolgreich leidet“ zu reduzieren. Aufgrund einer erstaunlich kecken Unbefangenheit und der lebendigen, unwissenschaftlichen Frische seines Stils hatte „Wie Proust Ihr Leben verändern kann“ einigen Erfolg beim Lesepublikum, dessen sich auch das neue Werk versichern können wird. Andererseits mußte es sich den Vorwurf der Kritik gefallen lassen, die komplexe Thematik von Erinnerung, Zeit und Bewußtsein, die Prousts „Recherche“ ausmacht, weitgehend mißachtet oder nivelliert zu haben. 

Was damals scheitern mußte, gelingt nun um so eher, als es sich nicht mehr um poetische Texte handelt, die auf ihren Gebrauchswert hin abgeklopft werden, sondern um die Schriften und die Lebensweisen von sechs namhaften Philosophen von der Antike bis zum 19. Jahrhundert. Dabei ist es kaum verwunderlich, daß hier Männer zu Rate gezogen werden, deren Denken stets im offenen Widerspruch sowohl zur herrschenden Meinung als auch zu der Lebensferne der Systeme ihrer Kollegen stand – Männer, „die [so de Botton zu Beginn des Buches] eine Vision von Philosophie teilten, die der griechischen Etymologie des Wortes verpflichtet war, eine Gruppe, verbunden nur durch das gemeinsame Interesse, tröstliche und zugleich praktische Dinge über die Ursachen unserer tiefsten Kümmernisse zu sagen.“ Und in der Tat hätten wohl zumindest vier oder fünf der Befragten ein Unternehmen, welches das Nachdenken über die Frage „Was ist der Mensch?“ zur Lösung konkreter alltäglicher Probleme wie Frustration, Geldmangel oder Liebeskummer heranzieht, begrüßt. 
Da geht es nun also um das Problem, zwar hohe Ansprüche, aber nur wenig finanzielle Mittel zu haben, was der Autor, wer hätte es gedacht, mit dem Hinweis löst, man solle seine Ansprüche herunterschrauben und sich nach dem Vorbild Epikurs auf das wirklich Wichtige im Leben besinnen. Frustrierende Affekte wie Zorn, Bestürzung oder Besorgnis können wir, so richtet uns Alain de Botton mit Seneca auf, durch vernünftiges Nachsinnen über unsere Erwartungen und Hoffnungen in den Griff kriegen. Überhaupt: „Wir sollten mehr nachdenken“, wie eine der bestürzend platt formulierten Empfehlungen lautet. Des weiteren hilft uns Montaignes skeptisch-realistischer Blick auf das Leben bei sexuellen, kulturellen oder intellektuellen Unzulänglichkeitsgefühlen. Der Leser erfährt, „was kluge Leute wissen sollten“, und daß dies nicht unbedingt etwas mit „Montaigne’scher Lebensklugheit“ zu tun hat. Mit einem ausführlichen Abriß über das Schicksal Arthur Schopenhauers will uns de Botton dann über Liebeskummer hinwegtrösten, was ihm aber, wie wir bereits vermuteten, nicht gelingt (Wessen Schmerz lindert es schon, wenn er, soeben von seinem Partner verlassen, erfährt, daß sein Interesse an dem Untreuen nur aus dem unbewußten Verlangen des blinden Willens nach Arterhaltung herrührt?). Das abschließende Kapitel ist kurioserweise „Trost bei Schwierigkeiten“ betitelt, und kein geringerer als Friedrich Nietzsche soll dem Leser hier zusprechen. Als ginge es nicht die ganze Zeit schon um Schwierigkeiten irgendwelcher Art, eröffnet uns de Botton auf einmal, diese seien am besten zu ertragen, wenn – man sie erträgt. Wir sollen uns gerade nicht über sie hinwegtrösten lassen, sollen uns nicht, wie beispielsweise Seneca riet, aus christlich-sklavischer Schwäche mit dem Möglichen begnügen, sondern das Leiden als Teil des Weges von der Mediokrität zur Erfüllung bejahen. 
Hier liegt das wesentliche Problem von Alain de Bottons „Trost der Philosophie“. Die eklektizistische Auswahl von Denkern unterschiedlichster geistiger Provenienz führt dazu, daß die einzelnen Kapitel mit ihren Ratschlägen sich widersprechen, zum Teil einander ausschließen. Bei Epikur müssen wir lesen, wir existierten erst, wenn jemand unsere Existenz wahrnimmt - und daß, wo wir uns doch gerade erst mit Sokrates‘ Hilfe mühevoll vom Angewiesensein auf die Meinung anderer freigemacht haben! Dann, nachdem uns Epikur von der Bedeutung von Freunden für ein glückseliges Leben überzeugt hat und wir schon beschlossen haben, einen lange nicht gesehenen Freund mal wieder anzurufen, warnt uns Seneca vor der Unvorhersehbarkeit des Schicksals und rät: „Der Weise wünscht zwar nicht ohne Freund zu sein, aber vermag es doch.“ Weiter: Durch die Rationalität der antiken Philosophie dazu gebracht, das Räsonnieren als wichtigstes Mittel der Lösung von Schwierigkeiten anzusehen, enttäuschen uns de Botton und Montaigne plötzlich mit dem Vergleich mit einem Schwein, dessen reflexionsloses Leben „kein durchweg freudloses“ gewesen sei. Und um die Verwirrung zu komplettieren, hören wir schließlich von Nietzsches Verachtung jedes behaglichen Quietismus unter Preisung des Leiden und Lust vereinenden „Übermenschen“. 

Sicher, die Philosophie ist wie das Leben, das sie denkend zu ergründen strebt, kompliziert und widersprüchlich. Gleichwohl ist es wohl eher mißglückt zu nennen, wenn ein Buch mit dem Titel „Trost der Philosophie“ den umsichtiger Lesenden in beträchtlicher Ratlosigkeit zurückläßt - und dies ausgerechnet mit den Gedanken eines Philosophen, der jeglichen Trost als „dekadent“ zurückgewiesen hätte. 
Bereits im ersten Kapitel offenbart sich zudem der entscheidende Unterschied des Buches zu dem eingangs erwähnten Werk des Boethius. Hier geht es darum, anhand des Lebens und Sterbens von Sokrates dem Problem der Unbeliebtheit auf die Schliche zu kommen. Dem Verhalten des Philosophen in der Stunde seines Todes entnimmt de Botton die Weisung, im Leben nicht zuviel auf die Meinung anderer zu geben und Mut zum Eigensinn aufzubringen. Aufschlußreich ist dabei, daß der Schierlingsbecher bei Alain de Botton durch ein sogar bildlich dargestelltes Glas „amerikanischer Schokomilch“ ersetzt wird – Symbol totaler Banalisierung der Tragik einer Philosophie, die sich als Lebenshaltung angesichts des eigenen Endes bewährt. In einer Extremsituation, wie es die des Boethius und Sokrates wie auch die im dritten Kapitel angeführte des Seneca waren, findet sich der bei de Botton Trost Suchende nicht. Es handelt sich freilich nicht mehr darum, mittels der Erkenntnis Gottes, der Ideen oder des fatum „den Sieg über einen ungerechten Tod“ zu erfechten (Boethius), als vielmehr – und hierin ist „Trost der Philosophie“ kennzeichnendes Produkt und idealer Ratgeber seiner eigenen Zeit – über ebenso natürliche wie banale Gefühle eine gewisse Macht zu gewinnen. Insofern das „Denken an den Tod“ ein „Charakteristikum der Philosophie seit ihren Anfängen“ ist (W. Schmid), liegt in de Bottons „Gebrauchsanweisung“ kein eigentliches Ergebnis philosophischen Denkens vor. Die meditatio mortis hat für den bei der Philosophie Rat Suchenden des dritten Jahrtausends offenbar ausgedient zugunsten des Reflektierens über unsere Reaktionen auf eine verlegte Fernbedienung, den unkontrollierbaren „Drang zu furzen“ oder die Detumeszenz des Penis während des Geschlechtsverkehrs. 
„Wir nehmen gemeinhin an, ein hochgeistiges Buch vor uns zu haben, wenn wir beim Lesen zunehmend weniger verstehen“, schreibt Alain de Botton und beweist uns mit seinem neuen Werk, daß der Umkehrschluß auch zutreffen kann. Er schreibt humorvoll und anschaulich. Um diese Anschaulichkeit ins TV-adäquate zu steigern, fügt er bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit Bilder (von teilweise miserabelster Qualität) bei. Das mag bisweilen hilfreich sein, vor allem bei der Schilderung von Gemälden. (Die unter der Bezeichnung „Madonna“ Abgebildete stellt allerdings Magdalena in Bellinis „Sacre Conversazioni“ dar.) Der Sinn jedoch, nach der Erwähnung eines frischvermählten Paares eine Hochzeitsgesellschaft abzubilden, wird demjenigen, dessen Phantasie durch das Fernsehen nicht vollends zerstört wurde, verborgen bleiben. Erhält hier ein Gedanke seine Rechtfertigung schon durch das Bild, das ihn illustriert? Für Channel 4 TV hat Alain de Botton eine sechsteilige Fernsehserie auf der Grundlage seines Buches entwickelt – „Trost der Philosophie“ liest sich allerdings eher wie das Buch zur Serie.